 „Die Schnellen fressen die Langsamen“ Globalisierung aus der Sicht eines Mittelständlers: Interview mit Hermann Bröker von der Dronco AG in WunsiedelErschienen am 06.06.2007 in der Frankenpost INTERVIEW: ELFRIEDE SCHNEIDER
WUNSIEDEL – Das Symbol der Globalisierung ist der G-8-Gipfel, der in dieser Woche in Heiligendamm tagt. Wie ein mittelständischer Unternehmer darüber denkt und was es für Arbeitnehmer bedeutet, darüber sprachen wir mit Hermann Bröker, Vorstand der Dronco AG in Wunsiedel. Das Unternehmen stellt Schleifmittel her und hat einen hohen Exportanteil.
Sie bezeichnen Ihre Firma als Global Player. Profitiert Dronco von der Globalisierung oder bringt die Globalisierung vor allem Probleme mit sich?
Fragt man Menschen, was sie unter Globalisierung verstehen, wird man ganz verschiedene Antworten bekommen. Bei vielen erzeugt sie Unsicherheit. Die Demonstrationen in Heiligendamm – und ich meine die friedlichen – zeigen, dass die Menschen auf breiter Linie Angst haben. Ich kann nur sagen: Wir sind hier in Deutschland eindeutig Gewinner der Globalisierung. Wir hatten in den vergangenen Jahren starke Aufträge für die deutsche Wirtschaft und sinkende Preise für die Verbraucher. Unser Unternehmen bezeichnen wir mit Fug und Recht als Global Player, denn wir verkaufen als Mittelständler unsere Produkte in über hundert Ländern.
Sieht das auch jemand in der Porzellanindustrie so, dessen Arbeitsplatz bedroht ist?
Man muss sehr deutlich sehen, dass die Verlagerung von Produktionsstandorten ein schwerwiegendes Problem der Globalisierung ist. Das sieht man in der Porzellanindustrie sehr deutlich. Die Lohnkosten in Deutschland und Europa sind durch die Globalisierung einem weltweiten Wettbewerb ausgesetzt. Trotz der Zurückhaltung in den vergangenen Jahren gehören unsere Lohnkosten noch immer zu den höchsten weltweit und sie werden durch die Globalisierung weiterhin unter einem gewissen Druck stehen.
Das heißt, Sie glauben nicht, dass es in den nächsten Jahren bei den Löhnen in deutschen Betrieben deutliche Zuwächse geben wird?
Wir müssen bedenken, dass die Zurückhaltung bei den Lohnkosten in den letzten Jahren eine Voraussetzung dafür war, dass wir mit der deutschen Wirtschaft wieder wettbewerbsfähig geworden sind. Produkte können wir nur zu bestimmten Preisen auf dem Weltmarkt absetzen. Um aufs Porzellan zurückzukommen: Wir haben hier auch Beispiele dafür, wie Unternehmen erfolgreich arbeiten.
Was bedeutet das für den einzelnen Menschen?
Ich will nicht sagen, dass er weniger im Geldbeutel haben wird. Aber für den einzelnen Menschen wird es schon bedeuten, dass er sich einem konstanten Veränderungsprozess aussetzen muss, von der Ausbildung bis zur intensiven Weiterbildung. Dieser Prozess hat schon in den letzten Jahren eingesetzt.
70 Prozent Ihrer Produkte exportieren Sie ins Ausland. Wie schaffen Sie es, im Hochlohnland Deutschland konkurrenzfähig zu sein?
Das gelingt mit einem Bündel an Maßnahmen. Wir bezeichnen uns als kundenspezifischen Massenhersteller und konzentrieren uns auf neue, hochwertige Produktbereiche. Die bekommt man nur durch konstante Forschung im Unternehmen. Das bedeutet natürlich riesige Anstrengungen für alle Beteiligten, auch für die Mitarbeiter.
Und was ist mit den Menschen, die gering qualifiziert sind und wenig Hoffnung auf einen Job haben?
Leute, die nur geringe Qualifikationen haben, werden Schwierigkeiten haben, einen Arbeitsplatz zu einem garantierten Mindestlohn zu bekommen. Ich fürchte, dass diese Arbeitsplätze verstärkt abwandern.
Wer bestimmt die Regeln der Globalisierung: die Wirtschaft oder die Politik?
Ich denke, letztendlich der Käufer. Die Wirtschaft kann nur absetzen, was der Käufer will. Es frage sich doch jeder mal, wonach er im Laden greift, ob zu einem niedrigpreisigen oder hochpreisigen Produkt. Das sehen Sie an der Textilindustrie. Die Politik gibt die Rahmenbedingungen vor und die Wirtschaft folgt dem.
Globalisierungkritiker fordern die Tobin-Steuer, eine Abgabe auf alle Finanztransaktionen weltweit. Würde sie die Welt gerechter machen?
Mauern haben noch nie in irgendeiner Weise Schutz geboten. Wenn wir glauben, wir könnten Deutschland, dieses kleine Land, absichern gegen die weltweiten Finanzströme, ist das eine Illusion.
Und wenn es gelingt, die Steuer weltweit einzuführen?
Ich halte dies nicht für durchsetzbar. Das sieht man in Europa, wo die Steuergesetze in den einzelnen Ländern ganz unterschiedlich sind, etwa zwischen Irland, Luxemburg und Deutschland. Wenn wir schon hier so verschieden sind in der Besteuerung von Personen und Firmen, wie will man so etwas weltweit durchsetzen? Die Staaten, welche die Weltmärkte erst betreten haben, haben doch ganz andere Vorstellungen als wir.
Haben Mittelständler auf Dauer eine Chance gegen die großen Konzerne?
Ja, da bin ich mir sicher. Aus meiner Sicht fressen nicht die Großen die Kleinen, sondern die Schnellen die Langsamen, und in der Schnelligkeit hat der Mittelständler eindeutig einen Vorteil. Da sehe ich große Chancen gegen die Konzerne.
„In Zukunft werden Gemeinden, Städte, Regionen viel wichtiger. Nur sie können Heimat vermitteln, nur dort können sich Menschen wiederfinden“, sagte der CDU-Politiker Heiner Geißler in einem Interview mit der Zeitung Die Zeit. Stimmt das?
Unbedingt, und das wird sich in Zukunft weiter verstärken. Die Bedeutung von Städten und Gemeinden wird zunehmen. Man sagt, man ist Westfale oder Oberfranke oder Niederbayer und das vermittelt Identität.
Sie kamen 1998 aus dem westfälischen Münster nach Wunsiedel. Welche Vorzüge hat dieser Teil Oberfrankens als Wirtschaftsstandort?
Für mich ist Oberfranken auf dem Weg zur Wissens- und Werkstoffregion. Wir brauchen aber noch eine verbesserte Zusammenarbeit von Wissenschaft und Wirtschaft. Wir haben hier die Fakultät für Angewandte Naturwissenschaften in Bayreuth, die Fachhochschule in Hof, das Kompetenzzentrum in Bayreuth, das Automobiltechnikum in Hof. Da gibt es ganz wichtige Anknüpfungspunkte für den Strukturwandel. Vor 50 Jahren arbeiteten hier 55 Prozent der Menschen in der Textil- und Keramindustrie. Heute sind es noch 18 Prozent. Wir dürfen nicht aufhören, den Strukturwandel weiter voranzutreiben, um für die Zukunft lohnenswerte Arbeitsplätze zu schaffen.
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